Ich habe ein paar Texte hochgeladen, die aus bisher unvollständigen Geschichten stammen. Vermutlich wird sich die Fertigstellung etwas ziehen, aber als ich neulich beim Stöbern auf der Platte war, dachte ich mir, ich teile mal ein oder zwei Auszüge aus der Rohfassung...
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O.k., das schweift jetzt zwar total ab,
aber ich denke, dass diese frühen Dinge uns schon ganz schön
prägen, und einiges erklären, was dann später passiert. Bei Sven
war das wirklich ziemlich offensichtlich. Er kam aus ganz anderen
Verhältnissen. Sein Vater war Bulle. Nicht nur irgendein Polizist,
sondern Kriminalpolizist. Was ich gehört habe, ist er mittlerweile
beim LKA. Seine Mutter arbeitete irgendwo als Sekretärin. Wo war
eigentlich nicht wichtig, da es bei Sven daheim immer um den Vater
ging. Svens Mutter war ebenfalls eine schöne Frau, aber kalt und
distanziert, und immer irgendwie verkniffen. Ihm gegenüber, aber
auch zu seinem Vater. Ich nehme an, es war eine Abwehrreaktion.
Ich sage das nicht oft und auch nicht
gerne über Menschen, aber in diesem Fall kann man es kaum anders
ausdrücken – Svens Vater war ein Arschloch, wie es im Bilderbuch
steht.
Er war einer von diesen Männern, die
zu wahnhafter Selbstüberhöhung und -überschätzung neigen, aber
gleichzeitig unter latenten Minderwertigkeitskomplexen leiden. Ihre
eigenen Unzulänglichkeiten, derer sie sich in klaren Momenten
durchaus bewusst sind, kompensieren sie durch extrem autoritäres
Alphatier-Gehabe. Wehe, wenn solche Menschen in Autoritätspositionen
gelangen.
Svens Vater war laut, jähzornig,
autoritär, kleinlich und nachtragend. Er war einer von den Menschen,
die Zweifel oder Kritik an - oder gar offenen Widerspruch gegenüber
ihren Ansichten immer als persönlichen Angriff verstehen.
Und das Problem war nicht nur, dass
seine Ansichten in der Regel ziemlich altbacken waren, sondern dazu
auch sehr eindimensional. Svens Vater dachte in klaren Kategorien.
Für ihn war die Welt sauber in schwarz und weiß gestrichen. Es gab
zu jedem Thema nur zwei Positionen: Richtig und Falsch. Und er hatte
zu jedem Thema eine feste Meinung und für Menschen ebenso feste
Schubladen. Gammler, Punker, Junkies, Kanacken, Hippies, Rowdies,
Zigeuner und viele mehr, in der Regel um den Zusatz -Pack erweitert,
bevölkerten seine Welt, und er hatte für jeden davon einen ganzen
Schrank voll passender Vorurteile parat. Genug, um seine Umwelt
ausgiebig daran teilhaben zu lassen. Ich glaube, er war manchmal nur
eine Haaresbreite davon entfernt, das Wort „Volksschädling“
auszusprechen. Natürlich war er auf der Richtigen Seite, und alle
diese Leute auf der Falschen.
Vermutlich gibt es für einen Jungen
nur zwei Optionen, wie er auf so einen Vater reagieren kann, die
erste ist der Weg der bedingungslosen Anpassung. Sven wählte den
anderen Weg.
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mehr -->
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Ich lehne mich an den Fensterrahmen,
schließe die Augen, und genieße die relative Stille. Das hier ist
ein Vorort, in dem hauptsächlich ältere Menschen leben, deren
Kinder erwachsen geworden und ausgezogen sind, und mittlerweile
eigene Kinder haben. Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften mit
deutlich mehr Zimmern als Bewohnern. Der backsteingewordene Traum
eines jeden aufrechten Schwaben. Gepflegte Gärten, der Daimler in
der Doppelgarage. Nur wochenends wird es lebhafter, wenn die Enkel zu
Besuch kommen, und durch die Gärten toben, und den Rost aus
Klettergestellen und Schaukeln schütteln.
Aber abends unter der Woche ist es
ruhig. Zumindest war es das bis eben. Ich höre entferntes
Motorengeräusch. Es nähert sich etwas, langsam. Offenbar ein
Nachschwärmer, oder jemand der sich verfahren hat. Klingt nach einem
kleinen Vierzylinder älteren Baujahrs. Jetzt kann ich auch Musik
hören, die aus dem offenen Fenster dringt.
I don't think you trust
in
my
self-righteous suicide...
System of a Down. Wenigstens hat der
Fahrer Geschmack, wenn er hier nachts schon so einen Radau machen
muss. Vermutlich sehen meine Nachbarn das allerdings etwas anders.
Würde mich nicht wundern, wenn die demnächst die Polizei rufen. Ich
kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Während ich da am Fenster sitze, höre
ich das Auto noch drei mal in der Nähe durch die Nacht tuckern.
Vermutlich hat sich der arme Kerl tatsächlich verfranzt. Hier sieht
halt aber auch wirklich alles gleich aus, Doppelhäuser, Vorgärten,
Braun gestrichene Holzzäune oder Thuja-Hecken, und die Hälfte der
Straßen sind Einbahnstraßen oder Sackgassen, Zone 30 oder
Spielstraße.
Ich drücke die Kippe aus, und will sie
wie zuhause aus dem Fenster schnippen, besinne mich dann aber eines
Besseren und deponiere sie stattdessen bei den Anderen in einem
leeren Marmeladeglas auf dem Fenstersims. Zurück an die Arbeit.
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So stehe ich also vor ihm durch den
blöden Rutsch-Rock schon halb entblößt. Tänzele wieder herum.
Beobachte ihn mit gesenktem Kopf. Er lässt sich Zeit. Genießt es,
mich warten zu lassen. Er öffnet die Knöpfe am Handgelenk seines
schwarzen Hemdes und krempelt die Ärmel hoch, bis über den Ellbogen
hinauf. Dann legt er in theatralischer Geste seine Ringe einzeln ab.
Die Bewegungen dabei sachlich, aber von quälend langsamer Eleganz.
Ich warte auf das Kommando, mich über
den Stuhl, den Tisch, das Sofa, oder was auch immer zu beugen, um
meine gerechte Strafe zu empfangen. Meine Blicke wandern heimlich von
einem zum anderen Schauplatz meiner vergangenen Bestrafungen. Was
wird er heute wählen?
...
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Das Brummen seines iPhones riss ihn aus
der Konzentration. Natürlich hatte er es auf lautlos gestellt, aber
der Schreibtisch war ein hervorragender Resonanzkörper für die
Vibration. Es brummte erneut zweimal kurz. Er wusste, Ivana würde
ihn nur stören, wenn es wichtig war. Ansonsten gab es nicht viele
Menschen, die diese Nummer kannten, denn das war sein Privathandy.
Seufzend nahm er das Gerät in die Hand. Zehn neue
WhatsApp-Nachrichten wurden im Sperrbildschirm angezeigt. Halb mit
dem Kopf noch bei der Arbeit und ohne richtig hinzusehen presste er
seinen Daumen aufs Display, um das Gerät zu entsperren, und öffnete
den Messenger.
„DEINE FREUNDIN IST EINE ELENDE
SCHLAMPE!!!!!“, war die Nachricht, die ihm sofort ins Auge sprang.
Die Nachricht stammte von Tanja. „Was zum... ?“, fragte er sich.
Zudem zeigte der Bildschirm die Platzhalter für insgesamt acht
Fotos, die Tanja ihm geschickt hatte, die aber noch nicht geladen
waren. Das würde eine Weile dauern, er hatte hier draußen nicht
gerade das beste Mobilnetz, und mit dem Privathandy konnte er nicht
auf das Firmen-WLAN zugreifen.
„ich dachte, das solltest du
wissen!!!!!“, kam gerade die letzte Nachricht der Serie an. Was
sollte er wissen? Er hatte sich angewöhnt, Nachrichten in
Großbuchstaben und mit mehr als einem Ausrufezeichen grundsätzlich
nicht ernst zu nehmen, und diese hatte sogar fünf davon. Für ihn
war das Ausrufezeichen das Szepter der Drama-Queens dieser Welt.
Doch nachdem das erste Bild
größtenteils geladen war, saß er wie hypnotisiert da, und wartete
mit einem zunehmend flauen Gefühl im Bauch auf die restlichen
Bilder, die langsam, Pixel für Pixel, scharf wurden. Vielleicht gab
es doch Situationen, die einen derart inflationären Gebrauch von
Satzzeichen rechtfertigten.
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